Gedanken zum Urlaub

„Akedia“ ist die Unfähigkeit, den Augenblick zu genießen

Urlaub kommt von „erlauben“. Ursprünglich kommt Urlaub von der Erlaubnis, die mir ein Höhergestellter gibt, wegzugehen. Dann meint Urlaub die Freistellung von einem Dienstverhältnis. Doch wenn wir seine Wortbedeutung genauer anschauen, hat „Urlaub“ und „erlauben“ mit der althochdeutschen Wurzel „liob“ zu tun. „Liob“ heißt: gern haben, begehren, lieb, freundlich und gut. Urlaub meint dann die Zeit, in der ich mir erlaube, so zu sein, wie ich bin. Ich steige aus aus dem Dienstverhältnis. Ich steige aus aus dem Erwartungsdruck der Menschen. Es ist mir gleich, was die anderen von mir wollen. Ich darf mir erlauben, mein eigenes Leben zu leben, mir meine Wünsche zu erfüllen, ohne Rücksicht auf das, was nützlich ist, was Geld bringt. Der Mensch braucht diese Erlaubnis, einfach zu sein, einfach zu leben. Sonst definiert er sich nur noch von seinem Dienstverhältnis, von seiner Funktion, von seiner Rolle, die er in der Gesellschaft spielt.

Urlaub heißt aber auch, dass ich mich selber gerne habe, dass ich gut mit mir umgehe, dass ich mir Gutes gönne. Viele können heute keinen Urlaub machen, weil sie sich nicht gern haben, weil sie sich selbst nicht lieben. Für sie ist der Urlaub ein einziger Stress. Sie müssen viel erleben, weil sie nicht fähig sind, wirklich zu leben, weil sie nicht bei sich sind. Sie können nicht im Augenblick leben. Doch die Fähigkeit zu leben, hat mit der Fähigkeit zu tun, ganz im Augenblick zu sein, ganz bei mir und in mir zu sein. Viele sind im Urlaub auf der Flucht vor sich selbst. Sie lieben sich nicht, sondern sie hassen sich. Deshalb sind sie auch im Urlaub gehetzt. Sie hetzen von einem Ort zum andern, um vor sich selbst davon zu laufen.

Die frühen Mönche haben diese Haltung der Ruhelosigkeit „akedia“ genannt. Es ist die Unfähigkeit im Augenblick zu sein. Akedia ist die Weigerung, sich auf das einzulassen, was gerade ist. Es sind die Menschen, die stöhnen, dass sie zuviel Arbeit haben. Wenn sie arbeiten, möchten sie am liebsten Urlaub machen. Doch wenn sie im Urlaub sind, ist es ihnen langweilig. Sie können weder das Arbeiten, noch das Beten, ja nicht einmal das Nichtstun genießen. Das Nichtstun zu genießen ist aber die Voraussetzung, mich ganz auf den Augenblick einzulassen. Ich genieße es, frei zu sein, nichts leisten zu müssen, keine Urlaubsbilder daheim vorweisen zu müssen. Ich halte nichts fest, sondern genieße den Augenblick.

Viele Menschen kommen vom Urlaub gestresst zurück. Sie haben sich nicht erholt. Sie haben sich nicht geholt, was sie brauchen. Ihr Urlaub war keine Ferienzeit. Ferien bezeichnen die geschäftsfreien, die gerichtsfreien Tage, die Ruhetage. Bei vielen ist der Urlaub nicht geschäftsfrei. Sie sind ständig mit etwas beschäftigt. Sie machen einen geschäftigen Eindruck und sind unfähig, wirklich zur Ruhe zu kommen. Es ist keine gerichtsfreie Zeit. Ständig richten und urteilen sie über sich selbst oder über andere.

Manche müssen jedes Essen beurteilen, das sie im Ausland vorgesetzt bekommen. Sie sitzen zu Gericht über die andersartigen Menschen. Sie sind unfähig, das Fremde wahrzunehmen und sich davon bereichern zu lassen. Weil sie über sich oder andere richten, weil sie alles bewerten, haben sie Angst vor dem Augenblick, in dem sie nicht über andere reden können, sondern mit sich selbst und ihrer eigenen Wahrheit konfrontiert sind. Zur Ruhe kann nur der kommen, der bereit ist, seine eigene Wahrheit anzuschauen, sich selbst anzunehmen, wie er ist. Wer Angst hat vor dem, was in ihm auftauchen könnte, vor den Enttäuschungen, vor dem Ärger, vor der Unzufriedenheit, vor der Unstimmigkeit seines Lebens, der muss ständig vor sich selbst davonlaufen. Sein Leben wird anstrengend. Er stresst sich selbst.

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Urlaub, in dem Sie sich das holen, was Sie für Ihr Leben und für Ihre Seele brauchen, in dem Sie sich erlauben, ganz Sie selbst zu sein, frei von allen Erwartungen Ihrer Umgebung. Und ich wünsche Ihnen einen Urlaub, in dem Sie das Leben genießen und so wahrhaft zur Ruhe kommen.

 Anselm Grün ist Pater im Benedktinerkloster Münsterschwarzach